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Götterdämmerung fürs alte Gerätehaus

Besenrein ist seit einigen Tage das ehemalige Feuerwehr-Gerätehaus an der Masch. Mit dem Fortzug des Bauhof-Teams als letztem Nutzer wird das Gebäude nun offiziell außer Dienst gestellt. Ein Rundgang gibt Einblick in die Geschichte – und hält Kurioses bereit.

 

Borgholzhausen. Was Bundeskanzlerin Angela Merkel und das kleine Gerätehaus an der Masch gemeinsam haben? „Nichts“, ließe sich auf den ersten Blick vermuten. Doch auf den zweiten Blick wird deutlich: Beide werden in diesem Jahr 66 Jahre alt. Aber während die Kanzlerin als Repräsentantin der deutschen EUR-Ratspräsidentschaft gerade zu Höchstform aufläuft, sind die Tage des Feuerwehr-Hauses gezählt.

2020 07 27 hk 001Dabei wurde dereinst hart um das Gebäude am Stadtrand gerungen. Nachdem sich die Feuerwehr nach den Wirren des Zweiten Weltkrieges wieder neu sortiert hatte, wurde spätestens ab 1948 augenscheinlich, dass die Platzverhältnisse im bisherigen Gerätehaus, das sich an der Freistraße befunden hatte, längst nicht mehr ausreichten. Der Unmut unter den Kameraden war derart groß, dass sie dem Stadtdirektor Alois Hasekamp sogar ein Ultimatum setzten: Abhilfe schaffen, ansonsten würden die Feuerwehrmänner ihren Dienst ruhen lassen. In ihrer Versammlung am 12. November 1948 richteten sie einen Antrag an die Amtsverwaltung.

Dass im Jahr 1949 Amtsrat Kretschmer das bisherige Domizil für voll und ganz in Ordnung befand, zudem unterstellte, dass sich vier Monate lang ja ohnehin nichts im Gerätehaus getan hätte, gipfelte dann im Juni 1949 tatsächlich in einem Streik. Und: im Showdown mit der Stadtverwaltung. Denn am 18. Juni, passend um 12 Uhr mittags, beschloss die Wehr, sich einfach aufzulösen. Für vier Monate ruhte der Dienst. Erst im Oktober 1949 ging es weiter – nachdem Kretschmer sich entschuldigt hatte.

Immer noch kam nicht so recht Bewegung in das Projekt Neubau. Erst nach einem neuerlichen, dringenden Appell im Jahr 1952 sollte es vorangehen. Im September beschloss die Amtsverwaltung den Bau eines Feuerwehr-Gerätehauses für Barnhausen. 1953 sollte zudem das Gerätehaus an der Masch entstehen.

Am 24. Oktober 1953 wurde der erste Spatenstich gesetzt. Zur Grundsteinlegung am 1. Dezember kamen Amtsdirektor Alois Hasekamp, Maurermeister Bohnenkamp, Piums Bürgermeister, zugleich Landrat des Kreises Halle, Joachim Upmeyer, sowie der stellvertretende Löschzugführer Heinrich Walkenhorst.

2020 07 27 hk 002Alleine 1.400 freiwillige Arbeitsstunden, so erzählt es die Chronik der Feuerwehr, brachten die Feuerwehrmänner selbst in den kommenden Monaten als Eigenleistung auf.  Bereits am 29. Dezember 1953 konnte Richtfest gefeiert werden.

Am 11. Dezember 1954 wurde das Feuerwehr-Gerätehaus Nummer zwei schließlich seiner neuen Bestimmung übergeben. „Am 19. Dezember wurden die Geräte in das neue Gerätehaus gebracht und somit war der langgehegte Wunsch in Erfüllung gegangen, ein allen Ansprüchen genügendes Gerätehaus zu besitzen“, notierte dazu 1955 der Protokollführer.

Von nun an hatten die aktiven Kameraden in Pium ebenso eine Bleibe wie der Musikzug. In die Wohnung des Hauses zog Gerätewart Helmut Bayer mit seiner Frau Berthel ein. Und sie bekamen regelmäßig Besuch. Denn wann immer die Kameraden ihre Dienstkleidung wechseln wollten, ging es durch die Wohnung der Bayers hinauf, über die ausklappbare Columbus-Holzstiege, bis auf den Dachboden. Hier nämlich befanden sich die alten, damals eigentlich schon ausrangierten Schränke, die als Kleiderkammer der Feuerwehr fungierten.

2020 07 27 hk 003 250pxWer die Feuerwehr alarmieren wollte, der wählte die 300 – und hatte Familie Schlömann am Telefon. Erst später wurde die 112 etabliert, mit der man dann zu Heinrich Köhne in der Freistraße durchdrang. Ihm wurde mitgeteilt, dass es brennt, sodass er zunächst den Sirenenalarm auslösen konnte. Erst später erfuhren die Kameraden dann von Heinrich Köhne in einem weiteren Telefonat, wohin sie eigentlich mussten. Es sei denn, Pastor Müller blockierte die Leitung, weil er sich ebenfalls bei Köhne erkundigen wollte, ob er zur Hilfe eilen müsse.

Im Sommer gab es beim Eintreffen der noch zivilen Kameraden zuweilen einen Wettlauf mit den Badegästen und ihren vor dem Gerätehaus parkenden Autos. Oder Schaulustige „blockierten“ die Ausfahrt, wenn es losgehen sollte, erzählt Wilhelm Wesselmann. „Wir brauchten in der Stadt auch dringend ein TLF“, erinnert sich der langjährige Löschzugführer, damals noch junger Feuerwehrmann in Pium. Also entschied sich die Wehr Anfang der 1970er Jahre zu einem Anbau an das Gerätehaus.

2020 07 27 hk 004Wenn in die Fahrzeughallen zur Weihnachtsfeier eingeladen wurde, wurden zeitgleich Matratzen zusammengeholt. „Um die Tore abzudichten“, blickt Wilhelm Weselmann mit einem Schmunzeln zurück. „Es zog da wie Hechtsuppe.“ Erst später, als die neuen Rolltore kamen, wurde es etwas besser.

Alleine die Ankleidesituation bei Einsätzen, unmittelbar hinter den Fahrzeugen, die im Alarmfall bereits gestartet worden waren, machte den Umzug in ein neues Gerätehaus erforderlich. „Es war viel zu eng“, blickt Wilhelm Wesselmann zurück. „Und die gesetzlichen Vorgaben stiegen ja auch immer weiter“. Der Umzug in einen erneuten Neubau war also unumgänglich. 1994 war es soweit.

Damit ging das alte Gerätehaus in seine zweite Dienstzeit – und fungierte fortan als Unterkunft für den städtischen Bauhof. Das Team um Stephan Hörmeyer hat das Gebäude nun seinerseits besenrein hinterlassen. Ein Vierteljahrhundert später wird das alte Feuerwehr-Gerätehaus an der Masch 4 also – quasi mit dem Eintritt in sein Rentenalter – gänzlich außer Dienst gestellt.

 

Quelle: Haller Kreisblatt