Besucher

Heute 20

Gestern 52

Insgesamt 141554

Nächste Termine

OKT29
29.10.2018 - 18:00 Uhr
LZ Bahnhof - Atemschutzübungsstrecke 6 Personen

OKT29
29.10.2018 - 18:30 Uhr
JF - Sport

OKT31
31.10.2018 - 18:00 Uhr
LZ Bahnhof - Atemschutzübungsstrecke 10 Personen

Der Neue ist anders – und hat ’ne große Klappe

Freiwillige Feuerwehr: Der Gerätewagen in Borgholzhausen ist ein Fahrzeug mit lebhafter Vergangenheit. Noch sieht er nicht einmal so aus wie ein »richtiges« Feuerwehrauto, doch das soll sich bald ändern. Bei den Blauröcken ist er voll akzeptiert

 

Borgholzhausen. Beste Pflege und dabei ein relativ geruhsames Leben, ein beheiztes Garagenplätzchen und ab und zu ein bisschen Action: Wenn Autos träumen könnten, würden sie sich vielleicht auch vornehmen: „Wenn ich groß bin, geh’ ich zur Feuerwehr.“ Meistens bliebe es bei diesem frommen Wunsch, doches gibt auch Ausnahmen. Wie jetzt bei der Freiwilligen Feuerwehr Borgholzhausen.

2018 08 09 hk 001 250pxDieser MAN TGL 7.150 aus dem Jahr 2012 ist anders als die anderen Feuerwehrautos. Er hat unverkennbar Erfahrung und ist sichtbar der Typ fürs Grobe. Nach sechs bewegten Jahren im Dienste einer Möbelspedition ist er jetzt offizielles Mitglied im Fuhrpark der Freiwilligen Feuerwehr. AmMontag ist er zu seiner ersten Übung ausgerückt.

Ganz am Schluss der langen Kolonne von schmucken, glänzenden Feuerwehrfahrzeugen der Löschzüge Bahnhof und Stadt kam der Neue da angezockelt. Im Moment hat er weder Blaulicht noch Sirene und dürfte deshalb auch bei eiligen Einsätzen nicht schnell fahren.

Muss er aber auch gar nicht, wie der stellvertretende Wehrführer Jens Eickmeyer erklärt. Er hat das Fahrzeug im Internet gefunden und staunt selbst, wie genau der Gerätewagen in das Anforderungsprofil der Feuerwehr passt. Das fängt schon bei der Farbe des Kofferaufbaus an.

Das kräftige Rot geht zur Not als feuerwehrüblicher Farbton durch – vor allem, wenn die Heckpartie und das Führerhaus die vorgeschriebene Farbausstattung bekommen haben. Die reflektierenden Schrägbalken in leuchtendem Rot und in Signalgelb werden heutzutage ohnehin fast ausschließlich als Folien aufgeklebt. Wichtiger für die Arbeit sind aber die inneren Werte – und die stimmen.

Weil der 7,5-Tonner bei einer Möbelspedition eingesetzt war, verfügt er über viele Einrichtungen zur Sicherung von loser Ladung. Der Löschzug dagegen verfügt über eine Vielzahl von Rollcontainern, die bei verschiedensten  Spezialeinsätzen gebraucht werden. Wie am Montagabend, als es beim gemeinsamen Übungsabend der beiden Löschzüge um den Umgang mit Gefahrstoffen ging.

Das Szenario war um den Hilferuf eines Bullifahrers aufgebaut, der ein größeres Behältnis mit einer unbekannten Chemikalie transportiert hatte, das undicht geworden war. Er klagte über Atemprobleme und musste deshalb unter Atemschutz aus seinem Fahrzeug befreit und von möglichen Resten des Gefahrstoffs gesäubert werden, ehe er den medizinischen Helfern übergeben werden konnte.

Das dauerte natürlich ebenso seine Zeit wie die vorgeschriebene Sicherung der Unfallstelle und die Recherche, um welche Chemikalie es sich denn handeln könnte. Erst als das geklärt war, wurden der Rollcontainer Gefahrstoffabwehr und ein Spezialbehältnis für den gefahrlosen Abtransport des gefährlichen Stoffes vom Gerätewagen gebraucht.

2018 08 09 hk 002Die herabsenkbare Ladewand im Heck machte die Anlieferung problemlos möglich. Selbst ein Mann allein könnte so den passenden Container zum Einsatzort schaffen. Doch neben der großen Heckklappe gibt es seitlich noch eine Tür für den Laderaum. „Beim Beseitigen einer Ölspur kannman dort die Säcke mit Bindemittel einfach herausreichen“, freut sich nicht nur Jens Eickmeyer über dieses kleine, aber wichtige Detail. Sogar eine Kamera fürs Rückwärtsfahren ist bereits vorhanden. Auch nicht unwichtig: Das Gesamtgewicht des Fahrzeugs liegt bei 7,49 Tonnen. Das ist genau unterhalb der Grenze des alten Klasse-3-Führerscheins.

270.000 Kilometer stehen auf dem Tacho des Gerätewagens. In dieser Fahrzeugklasse gilt das als gut eingefahren. Vergleichbar alte Fahrzeuge wiesen oft eine dreimal so hohe Laufleistung auf. „Das ist ein Schnäppchen“, so die einhellige Meinung bei der Verwaltung, aber auch bei der Feuerwehr. Rund 40.000 Euro wird die Neuanschaffung am Ende kosten, und das sind 60.000 Euro weniger als im Haushaltsplan vorgesehen sind.

Sogar über eine Neuanschaffung wurde in Borgholzhausen schon nachgedacht. Doch dafür hätten selbst 100.000 Euro nicht ausgereicht. Und man hätte viel Geduld gebraucht: Lieferzeiten von 18 Monaten werden derzeit für neue Feuerwehrfahrzeuge aufgerufen. Die spezialisierten Ausrüsterfirmen sind mehr als gut ausgelastet. „Wir brauchten das Fahrzeug aber deutlich schneller“, sagt Löschzugführer Eickmeyer.

Der Grund dafür ist eine Änderung im Katastrophenschutzkonzept des Kreises Gütersloh. Viele Jahre lang war in Borgholzhausen das sogenannte Dekon-P-Fahrzeug stationiert, das im Prinzip viel Ähnlichkeit mit dem neuen Gerätewagen aufwies. Sein eigentlicher Einsatzzweck war der Transport einer Dekontaminiereinheit, die zum Beispiel bei Chemieunfällen oder auch Tierseuchen gebraucht wird.

Oder eben auch nicht gebraucht wird. Denn zum Glück mussten die Borgholzhausener Feuerwehrleute zwar regelmäßig mit dem Gerät üben, um es im Notfall einsetzen zu können, doch in der Praxis wurde es bisher nicht gebraucht. Und angesichts einer nicht eben üppig ausgeprägten Tagesverfügbarkeit der Borgholzhausener Blauröcke, von denen eben viele auswärts arbeiten, war das Spezialfahrzeug eine hohe zusätzliche Belastung.

Die Trauer darüber, diese Aufgabe abgeben zu müssen, hielt sich also in Grenzen. Das entsprechende Fahrzeug allerdings durfte ganz offiziell für Feuerwehrzwecke als Lastesel mitgenutzt werden und kam durchaus regelmäßig zum Einsatz. Dementsprechend wurde es auch nicht wenig vermisst, als es nicht mehr da war. Mit dem Ersatz ist man bei der Feuerwehr bestens zufrieden – auch wenn der Neue ein wenig breiter, länger und höher ist als die modernen Feuerwehrautos, bei denen auch Wendigkeit wichtig ist.

Am Montagabend zeigte der Neue zum Abschluss noch eine weitere Fähigkeit, die seine Beliebtheit steigert. Die schmutzigen Schläuche, die ansonsten das auf Hochglanz polierte Innere der »richtigen« Feuerwehrautos zum Ärger der jeweiligen Verantwortlichen verschmutzen, wurden auf der Ladefläche des neuen transportiert. Der ist eben ein Typ fürs Grobe und sich für keine Arbeit zu schade.

 

Quelle: Haller Kreisblatt